Grabe den Brunnen bevor Du durstig bist


Die Lebenspflege ist ein grundlegendes Bedürfnis der menschlichen Natur, vieler großer Kulturen und Gesellschaften und letztendlich auch jedes einzelnen Menschen. Es geht darum, möglichst lange glücklich und gesund zu leben, im Alter vital und gesund zu sein und Krankheiten möglichst zu vermeiden. Im Gegensatz zum Westen, wo der Arzt oder Therapeut immer mehr zum Verwalter der Krankheiten seiner Patienten geworden ist, haben sich in China viele Aspekte dieser Lebenspflege im kulturellen Gedächtnis halten können und werden auch im Alltag noch angewendet.


Für mich als Therapeutin der Chinesischen Medizin ergibt sich hierbei ein weites Feld der Unterstützung. Bei entsprechendem Interesse kann ich meinen Patienten Mittel an die Hand geben, den eigenen Heilungsprozess zu unterstützen und in Zukunft gesünder leben zu können. Das Leben der Natur des Lebens anzupassen.


Letztendlich sind aber alle diese Aspekte auch in unserer Kultur bekannt, wurden teilweise von unseren Urgroßeltern noch gewusst und beherzigt, nur scheinen sie im Trubel der Zeit, dem Jugend- und Schönheitswahn und der Möglichkeit sehr viele Krankheiten erfolgreich zu behandeln, verloren gegangen zu sein.


Im Nei Jing seht: „Krankheiten zu behandeln, die sich bereits voll entwickelt haben, ist genauso, als ob man einen Brunnen gräbt, wenn man durstig ist oder als ob man Waffen schmiedet, wenn der Krieg bereits angefangen hat – Ist das nicht bereits zu spät?“ (Su Wen, Kap. 2)


Lebenspflege ist immer prophylaktisch und auf die Rückkehr zum einfachen Leben ausgerichtet. Konsequent angewendet führt sie zu mehr Gesundheit, psychischer Entlastung, Zufriedenheit und Glücksgefühl bei ganz alltäglichen Begebenheiten. Ihre Wirkung wird von älteren Menschen am deutlichsten empfunden, denn eine gesunde Lebensweise, Mäßigung und Regelmäßigkeit geben Raum für die notwendige Entwicklung und Sammlung des Geistes. Doch auch junge Menschen profitieren von mehr Energie, weniger Stress und der Ausrichtung auf die wahren Schönheiten des Lebens.



Grundprinzipien der Lebenspflege

Nach einem Aufsatz von Udo Lorenzen (Heilpraktiker, Medizinhistoriker M.A., Dipl.

Sozialpädagoge), http://www.abz-nord.de/Literatur/pdf/Yang%20Sheng.pdf


1.     Kultivierung des Geistes (Tiao Shen 調神)

Sich jeden Tag ein wenig Zeit zu nehmen, durchzuatmen, zu meditieren oder sich auch nur ein schönes Gedicht, ein aufbauendes Gespräch oder die Schönheiten der Natur zu gönnen, kann uns auf Dauer wieder näher zu uns selbst bringen.

Zu lernen unsere Gedanken über Vergangenes und Zukünftiges ziehen zu lassen und zu erkennen, dass sich Glück an der Gegenwart orientieren sollte, ist dabei schon die zweite Stufe.


2.     Regulierung der Emotionen und Leidenschaften (Tiao Qing  調情)

Emotionen und Gefühle sind natürliche Reaktionen auf Gegebenheiten oder Situationen. Adäquat ausgedrückt fördern sie die Gesundheit. Doch manche Dinge lassen sich einfach nicht ändern führen unsere Gefühle ins Übermaß und unsere Gesundheit an ihre Grenzen.

Stabilität zu wahren, jeden Tag einmal herzlich zu lachen oder auch eine Bestandsaufnahme der positiven Ereignisse zu machen, kann uns helfen das Wesentliche zu erkennen und uns nicht in Emotionen zu verlieren.


3.     In Harmonie mit der Natur leben (Tiao He Tian 調和天)

Wenn wir in uns hineinhören, so können wir den Rhythmus von Yin und Yang, Nacht und Tag, Schlafen und Wachen, Aktivität und Ruhe im Tagesablauf, aber auch im Ablauf unseres Lebens spüren. Dem zu folgen und sich nicht in leichtsinnigem und dem Lebensrhythmus widersprechenden Verhalten zu ergehen, führt zu einem friedvollen und gesunden Leben.


4.     Den Geist nach den vier Jahreszeiten ausrichten (Si Shi Jie Qi Tiao Shen 四時節氣調神 )

Frühling ist der Neubeginn nach dem Winterschlaf. Alles bewegt sich nach außen, Leben wird geboren und braucht Raum. Unterstützend ist Morgengymnastik, lockere Kleider, offene Haare, Freigiebigkeit und Toleranz. So fließt das Qi geschmeidig. Sinnvolle Planungen und Neustarts gelingen spielend.


Der Sommer ist die Zeit Sonne und des Herzens. Man erfreut sich an den Schönheiten der Natur und den Freuden im Außen. Es ist die Zeit der Liebe und der Leidenschaft. Unterstützend ist es diese Freude des Herzens mit anderen zu leben. Spät zu schlafen und früh aufzustehen, mit Selbstverständlichkeit Teil des großen Ganzen zu sein und seinen Geist strahlen zu lassen.


Der Herbst hingegen fordert Ruhe und Ausgeglichenheit. Es ist die Zeit der Sammlung, in der die Energien nicht mehr nach außen gerichtet werden sollten. Sammeln und nähren ist angesagt. Fördernd ist es früh zu Bett zu gehen und früh aufzustehen. Atemübungen und Aufräumen (im Innen und Außen) stärken die Lunge und auch die eigenen Grenzen und die Grenzen Anderer sollten akzeptiert werden.


Winter ist die Zeit der Regeneration und des Stillstands. Man ist gut beraten seinen Willen im Verborgenen zu halten, früh ins Bett zu gehen und spät aufzustehen. Man richtet sich nach der Sonne und sucht die Wärme, denn unter der Oberfläche reift die Erneuerung des Frühlings. Keine willentliche Aktivität und kein körperliches Begehren sollte sie stören. Abzuraten ist von Saunagängen und Urlauben im Süden. Reflektieren, meditieren und lernen geduldig sein, so bewahrt man im Winter seinen Vorrat an lebenswichtigem Qi.


5.     Regulierung des Essens (Shi Tiao  食調 )

Wie auch in unserer Kultur ist das regelmäßige Essen einer gesunden Mischkost auch in den Klassikern der chinesischen Medizin festgehalten. Angepasst an die individuellen Bedürfnisse, nicht mehr nach 17 Uhr und nicht so viel Flüssigkeit zum Essen. Was aber beherzigt werden sollte, ist die Situation, in der man isst und die Zuwendung, die man dem Vorgang des Essens gibt. Ein mit Freude genossenes Essen in harmonischer Umgebung, gut gekaut und nicht zu viel, wird unsere Lebenskraft nachhaltig stärken.


6.     Harmonisches Verhältnis zwischen Arbeit und Ruhe (Lao Yi Tian 勞逸調 )

Gemeint ist ein gesundes Verhältnis zwischen Aktivität und Passivität, das Streben nach Ausgleich, durch den Wechsel der Tätigkeiten, und das Meiden von Überanstrengungen körperlicher, geistiger und sexueller Natur. Beispielsweise wird jede einseitige Tätigkeit, wie beispielsweise sitzen, über lange Zeit wird ein Ungleichgewicht der Mitte hervorrufen oder übermäßige, nicht dem Alter und der Situation angepasste Sexualität, die Nieren-Energie schädigen.


7.     Vermeide zu viel Ruhe und Komfort (Fang Zhi Guo Yi  防止過逸 )

„Für gewöhnlich werden Menschen krank, weil sie sich überanstrengen. Aber, dass Erkrankungen durch Nichtstun viel gefährlicher sind, weiß kaum einer.“ (Yi Bing Lun, Abhandlungen über die Krankheiten durch Müßiggang) Deshalb gilt nicht nur in China: Wer rastet, der rostet. Dem Alter, den persönlichen Vorlieben und der Fitness angepasste Bewegung, ein Leben lang, erhalten Körper und Geist vital und gesund.


8.     Eine gesunde Umgebung (Shi Xuan Jing 适宣環境 )

Eine ganze Richtung der chinesischen Kultur widmet sich den idealen und individuellen Faktoren der Umgebung (Feng Shui), wobei besonderen Wert auf die Aus- und Einrichtung des Schlafzimmers gelegt wird. Das Qi der Umgebung sollte frei fließen können. Denn: Wie man wohnt und ob man sich wohlfühlt, hat große Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensgefühl. Natur, Ruhe, Luft und Licht stärken Körper Geist und Seele.


9.     Halte Dich an Regelmäßigkeiten (Ding Shi Zuo Xi 定時作息)

Die chinesische Organuhr zeigt uns die festen Rhythmen des Tages. Ihnen zu folgen steigert unsere Energieproduktion und gibt uns die Möglichkeit in Harmonie mit den körperlichen Abläufen zu bleiben. Ein gutes Frühstück zwischen 7 und 9 Uhr lässt die Qi-Produktion enorm ansteigen. Ein opulentes Mahl zwischen 19 und 21 Uhr hingegen ist der Verdauung eher abträglich. Doch auch die individuelle Regelmäßigkeit (Schlafrhythmus, Gewohnheiten, Rituale) hat große Bedeutung. Den eigenen Rhythmus zu finden ist ein wichtiger Gesundheitsfaktor.


10. Die passende Bekleidung (Yi Zhuo Shu Shi 衣著舒適 )

Eine Selbstverständlichkeit, so denkt man. Doch wie oft geht in der heutigen Zeit die Mode vor? Gerade ältere und erschöpfte Menschen sollten noch ein zweites Mal nachdenken, bevor sie im Frühling ohne Jacke rausgehen, oder vergessen das Halstuch einzupacken. Doch auch bei jungen Leuten behindern zu enge Kleidung und hochhackige Schuhe oftmals den freien Qi-Fluss, Körperhaltung und Bewegung. Ganz abgesehen davon, dass beim Kauf der Kleidung eigentlich nur noch die Wirkung nach außen zählt, die wärmenden und unterstützenden Eigenschaften aber in den Hintergrund treten.

 
 
 
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